P wie …

… Panik – mir wächst alles über den Kopf, ich mag mich nicht und meine Umwelt auch nicht. Diese Kur, diese Scheißkur, so wenig, wie ich damit einverstanden bin, so sehr muss ich es hinnehmen …

Mein Körper spielt verrückt, ich rieche nichts, ich schmecke nichts, ich esse kaum was und habe trotzdem einen Bauch. Ich schnaufe, wie eine Dampflok und bekomme meine überblähte Lunge nicht frei. Dieses bescheuerte Lungenemphysem macht mich noch ganz kirre, meine Haut ist blass, obwohl ich täglich draußen bin, meine Kondition ist am Boden. – Alles Gründe für eine Kur! Und trotzdem will ich da nicht hin, ich war schon mal dort und es war ein mittleres Desaster. Okay self fulfilling prophecy. Ja, ich sollte positiver denken, anders denken, nicht gleich das Schlimmste denken – aber ich kann mich so schwer auf Neues/Ungewisses einlassen. Es passiert so viel in mir, mit mir, mit meinem Körper und mit meinem Geist. Ich will wissen, was da passiert und ich bin mir sicher, dass ich das in dieser Kur nicht erfahre.

Ich bin unausstehlich – am meisten zu mir selbst!

erzählen

Warum erzähl ich hier eigentlich? Nicht, weil ich angeben will. Nein, weil ich es einfach los werden möchte. Viel lieber würde ich über anderes schreiben und mich mit besonderen Dingen beschäftigen.

Zum Glück habe ich meinen Humor (der manchmal ziemlich schwarz ist) nicht verloren. Allerdings muss ich sehr kramen um ihn zu finden! Ich bin unten, also kann es nur aufwärts gehen. Zieh die Wanderstiefel an, der Berg ist steil!

…und im Schwarzwald ist es auch schön!

eigentlich

…und uneigentlich!

Bin ich wirklich so?
So undurchsichtig,
so wenig erkennbar?

Bin ich so unnahbar,
so stachelig
in meiner Haut?

Eigentlich bin ich
doch ganz anders.
Ich komme nur
so selten dazu!

Bin doch weich
nicht fern
im hier und jetzt.

Möcht‘ sichtbar sein,
gesehen werden,
möcht‘ selber sehen.

[…]


In mir bammelt es. Je näher die Kur rückt, die Reha der Junioren und meine Kur für pflegende Angehörige, umso mehr bammelt es in mir. Meine Bedenken sind nicht vom Tisch, ich habe mich lediglich arrangiert! Ich weiß nicht, was auf mich und die Junioren zukommt. Das macht mir Angst! Gedanken geistern in meinem Kopf herum und dieses Ungewisse, dieses nicht eingreifen können, nennt es von mir aus keine Macht haben, lässt mich zittern.

Es ist niemand da, der meine Ängste versteht, ich fühle mich missverstanden und verstehe miss. Da steht mir mein Autismus wieder einmal sehr im Weg. Ich denke, dass mein gegenüber denkt und der denkt, dass ich denke – nur denken wir beileibe nicht dasselbe, möglicherweise das Gleiche! Aber wir sind verschieden. Ich kann mich schwer austauschen, denn meine Ironie scheint nicht verständlich zu sein und auch mein Witz ist anscheinend (wenigstens) merkwürdig.

Gerade jetzt sitze ich und gucke mich um und denke, dass wir ungefähr vier Wochen weg sind und währenddessen hier die Fliegen sterben. Ich sitze und denke darüber nach, was ich in die Koffer der Junioren packe. Denke, ob sie wohl auch einmal Süßigkeiten bekommen. Denke, ob Carsten gut gepflegt und rasiert wird und Wiebkes Haare schön frisiert werden – alles Dinge, die ich als Asperger-Autistin gerne geklärt hätte, die aber nicht zu planen sind. Ich könnte tausend Pläne machen – und habe auch im Vorfeld einiges schon telefonisch regeln wollen (ob es geregelt ist, kann ich nicht sagen), aber meine Panik, dass ja das und das und das und das (es spielt keine Rolle was) eintrifft und ich nicht den Überblick habe, ist riesig. Eins, weiß ich aber jetzt schon; wenn die Junioren ‚auf Kur‘ sind, dann sind meine Ängste verflogen, dann habe ich die Verantwortung abgegeben. Während der Zeit werde ich ruhig sein und nur im Nachhinein mir selber wieder Vorwürfe machen, dass ich dieses oder jenes ja hätte bedenken und ansprechen können …

Mich nerven diese autistischen Züge. Wenn mich jemand trösten möchte und mir sagt, dass das ja gar nicht eintreffen muss, dann könnte ich dem Tröster an die Gurgel springen, weil er ja gar nicht nachvollziehen kann, was ich denke…

… und so beißt sich die Katze in den Schwanz! Einerseits möchte ich jemanden zum Reden, andererseits weiß ich es eh besser. Eigentlich möchte ich, dass mich jemand unterstützt – uneigentlich möchte ich es doch alleine machen, weil ich es kann!

Kuddelmuddel mal wieder.

… und dann dieses Lied:

Wenn,

…, ja dann!

  • dann hätte ich morgens keine Bauchschmerzen mehr.
  • dann würde jetzt die Sonne scheinen.
  • dann täte ich im Bett liegen und schlafen – so, wie es die Junioren tun.
  • dann würde ich andere Lieder singen.
  • … keine Gedanken darum machen, wie ich Helfern Absage, ohne dass sie sich gekränkt fühlen. (Was brauche ich Helfer, wenn die Herrschaften das Bett nicht verlassen wollen.)
  • dann hätte ich kein schlechtes Gewissen. Ich mag die Menschen und würde sehr gerne Zeit mit ihnen verbringen, aber ich fühlte mich verpflichtet, die Junioren aus den Betten zu holen – rechtzeitig, damit ich den „Ablauf“ nicht störe.
  • dann bräuchte ich nicht mit der Helferin – weil ich ganz bestimmt für den Nachmittag nicht absage – MenschÄrgereDichNicht spielen.
  • dann wären meine unruhigen Beine bereit zu tanzen.
  • dann hüpfte mein Magen, anstatt schwer da zu liegen.
  • dann hätten wir Kuchen, am liebsten fette Sahnetorte.
  • dann gäbe es etwas sehr gesundes zum Mittagessen.

Aber die Angst hat mich einmal wieder mehr als nötig in Griff und statt, dass sie mir Flügel verleiht, verteilt sie sekündlich mehr und mehr Bleiperlen an meinen Körper.