Geschenkt bekommen

Das Kind im Rollstuhl hebt die Ärmchen, so hoch es geht, und es geht nicht besonders hoch. Es öffnet die Hände, so weit wie möglich, doch die Finger krümmen sich nur.

Der kleine Körper drängt danach, loszulaufen, gespannt, was es zu entdecken und zu sehen gibt, aber die gelähmten Beine regen sich nicht, die Füßchen stecken, verdreht und verkrampft, in festen Schuhen.

Eigentlich ein Bild des Jammers.

Wäre da nicht in den wenigen noch möglichen Bewegungen diese unbändige Begeisterung, wäre da nicht, weit geöffnet, staunend und lachend dieser jubelnde Kindermund, und wären da nicht die strahlenden Augen, in denen eine Freude aufleuchtet, die vollkommen losgelöst ist von allen Grenzen und allen Behinderungen.

Da lebt ein Kind im engsten Raum einer harten Wirklichkeit und verkündet dennoch die befreiende Weite des Ewigen.

Und Gott ist Mensch geworden.

©Marianne Haas

vermutlich krieg ich den Hals nicht voll

  • Herpes Zoster am Hals – es juckt wie Bolle und fängt langsam an, weh zu tun. Carsten ist zum Glück nicht anfällig, aber Wiebke meldet bei Herpes jedesmal laut: Hier! Wie ich sie nicht anstecken kann, weiß ich nicht – bei dem engen Körperkontakt, den wir zwangsläufig haben. 
  • Plätzchen habe ich keine mehr gebacken. Die JVA-Heilbronn hat einen kleinen Stand auf dem Weihnachtsmarkt und verkauft dort leckere Kekse. …und das zu einem fairen Preis. Da ist für mich klar, dass ich nicht mit einem ansteckenden Hautausschlag in der Küche stehe und selber backe.
  • Bücher habe ich nun auch genug. Heute Mittag kam ein Päckchen mit Lesefutter. Danke Kat!
  • Die Junioren singen seltsame Lieder! „Mama wir machen das, weil unsere Geheimsprache so schön weihnachtlich klingt!“ Carsten dirigiert, Wiebke lacht sich krumm und schief. Da sie sich während des Singens die Schuh auszieht, fällt sie wirklich fast vom Rolli.
  • Der Kerle erzählt mir gerade, dass das Essen in der Werkstatt soooo lecker war und er einen ganzen Teller voll gegessen hätte. Das Töchting relativiert und meint lapidar: „Das war ein Minitellerchen, aber er hat aufgefuttert!“ Es gab Pizza mit Mais. 
  • Ich hatte mir Sushi gekauft – war auch superlecker. Sushi mochte MamS nicht!

Konglomerat

Konglomerat ist ein Wort meines Vaters – ich erinnere mich. Die Gemengelage meiner Gedanken lässt mich einfach nicht zur Ruhe kommen. Ich sag‘ dazu immer Kuddelmuddel – das lustige Wort macht es aber nicht besser!

Hab‘ die Junioren weggebracht, unter Tränen. Besonders Wiebke hat sehr geweint. Fremde Menschen wollten sie trösten – mein Töchting hat noch mehr geweint und geschrien. Heimweh, schon vor der Abreise in die Ferien! Das kann heiter werden. Betüddelnde Betreuer – Wiebke kann so was gar nicht gebrauchen. Genauso wenig, wie gestreichelt und angefasst werden. Haben die Leute meine „Gebrauchsanweisung der Junioren“ nicht gelesen?

Zum Glück sind 2 Frauen dabei, die meine Junioren und ihre Marotten kennen, die wissen, dass Wiebke Autistin ist und möglichst in Ruhe gelassen werden möchte. Erst recht, wenn sowieso schon Holland in Not ist und die Tränen fließen. Carsten freut sich auf den Urlaub – aber: „Du Mama, ich freu mich jetzt schon, wieder nach Hause zu kommen!“

Meine Junioren sind nicht dumm. Besonders der Kerle ist äußerst empathisch und spürt, dass mich etwas sehr bedrückt – ich muss die Situation klären, aber alleine kann ich das nicht. Dazu brauche ich das gegenüber, das bereit ist, auch zu reden!

Es ist Herbst! Die dunkle Jahreszeit fängt an. Es wird kalt. Kalt, wie im Winter. Die Junioren frieren sitzend auf ihren Rollstühlen. Dieses Jahr hatten wir kaum Frühling und einen Herbst auch nicht wirklich. Der Winter ist nicht unsere Jahreszeit!

Ich schreibe Gedichte, die kaum jemand lesen mag. „Besinn dich auf die Fähigkeiten, die du hast und schau nicht immer, was du nicht kannst!“ Mit meinen Gedichten kann die wohlmeinende Freundin – kann kaum jemand aus meinem Umfeld etwas anfangen. Ich schreibe trotzdem. Ist es Trotz? Nein, ich schreibe, weil ich es möchte, weil es ein Bedürfnis und ein großer Ausgleich zu den Unwegsamkeiten ist. Niemand muss sie lesen oder gar hören – ich tu’s in erster Linie für mich. Dennoch wäre es schön – das hatten wir ja schon.

Ich wünsche allen ein schönes, eine Stunde längeres, Wochenende.

…übrigens: ich gehe jetzt zum Singen in die Badewanne!

eineinhalb Stunden später

Die Helferin wird nicht mehr kommen. Wir haben uns nicht aussprechen können. Sie hat mir, mit großen Vorwürfen, den Bettel vor die Füße geworfen!

Eigentlich erleichtert mich das. So ist wenigstens ein Schlussstrich gezogen und ich brauche keine Rücksicht mehr zu nehmen!

[collapse]

und manchmal

… stehst du da und kannst nur staunen!

Staunen über die Unbeschwertheit, mit der Die bunten Mützen ihre Songs spielen und sich nicht beirren lassen, wenn um sie herum scheinbar niemand richtig anwesend ist.
Staunen über das große Mundwerk vom Kerle, der das Publikum dann doch noch fesselt.
Staunen über den anderen großartigen Sänger mit kleinem Handicap, der mir bei Kaffee und Kuchen ununterbrochen von seiner Liebe vorschwärmt.
Staunen über die Tombola, die so gar nicht für Menschen mit besonderen Bedürfnissen bestückt ist.
Staunen über das Töchting, das so schön ist, wenn es lacht!
Staunen über bunte Blätter, einen blauen Himmel, große weiße Wattewolken, ein Backsteingebäude in dem die Menschenmassen mürrisch verschwinden und fröhlich wieder ausgespeit werden.
Staunen über Behindertenfunktionäre, die Berührungsängste haben.
Staunen über scheinbar tolpatschige Menschen und dann erfahren, dass diese eigentlich auf dem Rollstuhl sitzen sollten.
Staunen, um des Staunens Willen.

∙∙∙∙∙·▫▫▫▫ᵒᵒᵒᴼᴼ ᴼᴼᵒᵒᵒ▫▫▫▫∙∙∙∙∙·

Ich bin müde! Ich habe einen guten Job gemacht und ich habe mich unterhalten – das erstaunt mich am allermeisten. Ich kannte diese Menschen nicht …

Wenn ihr wollt, könnt ihr uns gerne etwas Gutes tun!