nicht schlafen können

Die ganze Nacht höre ich schon Reinhard Mey.

∙∙∙∙∙·▫▫▫▫ᵒᵒᵒᴼᴼ ᴼᴼᵒᵒᵒ▫▫▫▫∙∙∙∙∙·

Nachtrag am Morgen 7:45Uhr: Nach gefühlten eineinhalb Stunden Schlaf habe ich die Junioren sicher und fröhlich ‚versorgt‘ – jetzt gehe ich noch einmal ins Bett und hoffe auf guten Schlaf.

Bandauftritt | am Morgen danach

Oft bin ich dazwischen. Auch gestern wieder. Nicht dabei – es ist was anderes. Gestern war ich Mittler, war ausgleichendes Element und Gegensteuerer gegen den Pessimismus, gegen die Angst ohne den Bandleader – den Musiktherapeuten – zu versagen. Ausgerechnet ich! Ich, die doch als Bedenkenträgerin bekannt ist. 

R. ist krank, liegt mit 40-Fieber im Bett und die anderen Bandleute haben niemanden an den sie sich hangeln/festhalten können. Er spielt doch den Gitarrenpart, er ist der Hauptsänger, gibt den Ton vor und ist der Macher. 

Alles absagen? Nein, geht nicht. 

Diese Inklusionsband muss an höchster Stelle auftreten und ihre Professionalität beweisen. Die behinderten Musiker sind stark verunsichert. In der Künstlergarderobe verteile ich Kekse, mache Späße. Ich mache Späßchen. Ich, die so was gar nicht kann. Halte die Moral hoch, währenddessen M. übt und übt und übt. M. ist Vollblutmusikerin. Sie hat die Lieder schon mal gespielt. Doch eigentlich spielt sie in dieser Band Bass. 

Im Auto auf der Hinfahrt saß sie neben mir und büffelte Noten und Gitarrengriffe. Jetzt übt sie. Wir dürfen nicht stören. Dabei haben Carsten & Co so viele Fragen. Ich versuche den Druck rauszunehmen. Es gelingt mir. Nie hätte ich gedacht, dass mir das so eine Freude macht. 

Die Spannung ist greifbar. Das Programm wird umgeschmissen. Für Menschen mit kognitiven Einschränkungen  eine Mordsherausforderung. Sie sind aufgeregt. „Ich kann das nicht!“ „Ich habe das noch nie gemacht!“ … und dann dies alles im Neuen Schloss in Stuttgart, bei der Weihnachtsfeier des Sozialministeriums. Was für eine Leistung!

Soundcheck. Wow,  ein Klang! Profis machen die Steuerung. Der ganze Saal bebt und jeder wird gehört und keine Übersteuerung, kein Quietschen wie sonst. Richtig geiler Sound. Ein Klang, wie bei einer ‚echten‘ Band. Nein – sie sind eine echte Band, sind klasse und sie können alle was. Sie sind super und der große C. managt ganz easy die Misere und macht peu a peu ein Ganzes draus. Ohne, dass man die Anstrengung sieht. Ohne, dass die Bandmitglieder Panik kriegen – ohne den Bandleader, den Musiktherapeuten. Super. 

Die Gäste trudeln ein. Die Spannung ist greifbar. Alles wird gut! Wird es das? 

Sie gehen auf die Bühne. Singen mit dem Saal – o je, ich weiß nicht mehr welches Weihnachtslied – dann spielen sie We are the World und haben den Saal, das Publikum. Von da an ist es ein Selbstläufer. Ein Läufer mit Gehwagen und Rollstuhl, mit Stolperern und winzigen Pannen. Mein Carsten spielt Mundharmonika an Stellen, wo er noch nie gespielt hat. Wiebke gähnt während einer Rede im Hintergrund auf der Bühne, als ob sie die Rednerin fressen wollte. 

Die Band spielt sich in die Herzen des Ministeriums. 

Beim anschließenden Empfang sagt eine Frau zu mir und sagt es immer wieder: „Das war die schönste Weihnachtsfeier seit langem!“ Ich bin stolz. 

Die bunten Mützen sind wahnsinnig stolz und zu Recht – es war wunderbar. Platt und erschöpft – aber glücklich und stolz. 

Das muss erst mal jemand nachmachen.  Da bin ich gerne dazwischen. 

wenig Interesse

Ein Satz irgendwo beim Emil gelesen: Trete ich zurück, werde ich uninteressant. Natürlich in einem ganz anderen Zusammenhang. Auch gelesen, in einem Buch von Ulrike Draesner – Eine Frau wird älter: [..] Jede Menge Männer unterwegs auf so einem Parkplatz. Was ist los mit den Männern, denke ich, was hat sich verändert, sie sind so zurückhaltend. Nach einer Weile ist klar: Nichts hat sich verändert. Es wird geschaut. Hinterhergeschaut. Jetzt fällt es mir wieder ein: Ach so, es liegt an mir. Ich bin es, ich stehe hier offensichtlich in dieser neuen Verborgenheit herum. [..] Dieses Desinteresse stößt mir auf – nicht als Frau, oder jedenfalls nicht nur. Es ist ein allgemeines Desinteresse am anderen.

Das Interesse besteht meistens nur so lange, wie man nicht involviert ist. Sobald man selber handeln sollte oder muss oder will oder was auch immer – jedenfalls aktiv werden, stirbt bei so manchen Menschen die Aufmerksamkeit. Ich nehme mich da selber nicht raus. Interesse zu zeigen erfordert Anteilnahme und da jeder mit sich selber sehr beschäftigt ist, kostet das zusätzliche Kraft, die einige nicht haben. Dabei ist es gar nicht einmal Fakt, dass das Schicksal des anderen einem am A…. vorbei geht, es ist manchmal reine Hilflosigkeit und da sagt man lieber nichts, als dass man sich in die Nesseln setzt oder gar eine Abfuhr erhält.

Es erfordert Fingerspitzengefühl von allen Seiten und man kann wirklich nicht alles bedenken, kann nicht jede kleinste Kleinigkeit – von der man möglicherweise auch gar nicht ahnt, dass es sie gibt – berücksichtigen. Fingerspitzengefühl, das mir scheinbar nicht gegeben ist. Einerseits bin ich immer leicht gekränkt und fühle mich (da nehme ich, wenn es um Belange der Junioren geht, diese mit rein) benachteiligt, weil unsere Bedürfnisse nicht gesehen werden. Wir sind eine winzige Minderheit und im großen Ganzen tatsächlich unscheinbar. Das schmerzt! Andererseits poltere ich schnell heraus.

Es schmerzt sogar so sehr, dass ich noch weiter zurücktrete, gar keine Gespräche auf Veranstaltungen mehr führe, meine Sprache verliere und mir nichts zutraue. Wenn noch ‚Funktionärsmütter‘ anwesend sind, die ach so toll das Leben ihrer behinderten Kinder gemanagt haben – diese selbstständig wohnen und eigenständig leben – dann schrumpfe ich zusammen und hoffe doch inständig, dass man meine Leistung auch sieht. Uns sieht …

∙∙∙∙∙·▫▫▫▫ᵒᵒᵒᴼᴼ ᴼᴼᵒᵒᵒ▫▫▫▫∙∙∙∙∙·

Erst einmal Schluss – Wiebke ist krank. Sie hat einen stark juckenden Hautausschlag am Bauch. Wir gehen zum Arzt!