außerplanmäßig

Angst, nackte Angst packt mich, wenn ich Carsten angucke! Heute Vormittag hab ich ihn wieder abholen müssen. Dabei wollte ich was ganz anderes berichten – über Verkäuferinnen, die die Kunden nur als leidiges Übel betrachten. Aber das scheint mir jetzt so banal und überflüssig, soll’n sie doch!

Die Angst um Carsten ist so groß, dass ich heute Nacht gucken musste, ob der Kerle noch atmet. Gestern wollte er schon nicht mit seiner Dienstagsgruppe in die Stadt, dass er daheim blieb und Wiebke allein ging und erst einmal süße Milch mit Honig trinken musste. Heute hat er (ich empfinde es als eine Unverschämtheit von ihm, gewollt oder nicht gewollt, tut nichts zur Sache) auf den Esstisch in der Werkstatt gekotzt. Zwar noch bevor das Essen da war, aber immerhin mit dem Erfolg, dass er, weil er umgezogen werden musste, nichts essen brauchte.

Der Kerle sieht aus wie der Leibhaftige und ich habe wahrhaftig Angst, dass er mir wegstirbt. (so nun ist es raus und ich kann eine Runde heulen). Die Astronautenkost mag er auch nicht mehr, wenn er daran riecht, wird es ihm schon schlecht. Normale (das soll jetzt nicht zynisch klingen) Magersucht ist schon schwer, aber einem behinderten Menschen beizubringen, dass er essen oder wenigstens trinken muss, um nicht zu sterben, ist eine harte Nuss.

Carsten macht nur ein bedröbeltes Gesicht, leidet und ich leide mit. – Es ist zum Kotzen!

Entschuldigt, dass ich unter diesen Umständen noch weniger in anderen Weblog lesen oder gar kommentieren kann. Tut mir leid!

Veröffentlicht von

piri ulbrich

Ich bin ganz schön viel und ganz schön wenig, ich bin Mutter, Hausfrau und Dichterin in allen Lebenslagen. Ein Kopf voller Fragen: Was denkt er gerade? Was ziehe ich heute an? Wo ist Süden? Soll ich, oder nicht? Warum habe ich in den 70er Jahren meine Haare so verunstaltet? Wie bekomme ich diesen Fleck weg? Was macht eigentlich die - ähm, wie heißt sie noch - die Dings, die... ömpf... die, die immer so schräg aussah? Was macht die Feuerwehr hier? Warum immer ich? Ist dein Blau mein Blau? Wer hat die Schokolade aufgegessen? Wieso regnet es schon wieder? Was? Wieso? Warum?

11 Gedanken zu „außerplanmäßig“

  1. Liebe piri,

    es ist schwer, Worte zu finden. Um ehrlich zu sein, fallen mir gerade keine ein. Ich kann mir nur ganz entfernt vorstellen, wie es gerade in dir aussieht, wie es bei euch aussieht. Ich hoffe, dass Carsten – ja, wie soll man es nennen: Sich besinnt? Sich bequatschen lässt? Sich erbarmt? Ich weiß es wirklich nicht.

    Dagegen wirken viele andere Dinge sehr banal. In einer anderen Ecke des Internets fliegt mir gerade ganz schön was um die Ohren, aber das sind nur Worte. Belanglos gegen echte Probleme.

    Ich hoffe. Da ich kein religiöser Mensch bin, kann ich nicht beten. Aber ich hoffe.

    Nur eins verstehe ich nicht: Weil Carsten sich in der Werkstatt übergibt, braucht er nichts essen? Da wird nicht nach dem Umziehen noch einmal angesetzt? Die Leute da sehen doch, was los ist!

  2. Sooft denke ich an Carsten und dass er die Nahrungsaufnahme verweigert.
    Ich bete für Carsten.

    Welche Möglichkeiten seinen Körper zu ernähren gibt es denn in der Medizin?

    Alles Liebe ♥️

      1. Unumgänglich?

        Was du oben geschrieben hast:

        das Du Angst hast ob er noch atmet bzw Angst hast, dass er stirbt?! wann ist es unumgänglich – wer entscheidet das, wenn kein Arzt in der Nähe ist.

        Warten WIR? solange. Wer ist wir?

        Wenn ich das hier so lese habe ich nicht das Gefühl dass das Zeit hat irgendetwas abzuwarten oder ich habe das was du schreibst heute und auch früher absolut falsch verstanden?

        Du schreibst oben dass du geweint hast was ich auch gut verstehen kann und unten schreibst du dann, dass weitere medizinische Hilfe nicht nötig ist für Carsten. Ab wann ist das denn krank bei dem Untergewicht das Carsten vermutlich inzwischen hat.

        Über die Verweigerung der Nahrung gsaufnahme schreibst du ja inzwischen schon seit einigen Jahren. Immer wieder kam nur der Hinweis (nach Frage wie es weitergeht) dass du Karsten nicht im Krankenhaus lassen würdest. Wie ist das verantwortbar?

  3. Ich entscheide sehr verantwortungsvoll und wenn ich Carsten nicht im Krankenhaus lassen möchte, ist das immer mit den Ärzten abgesprochen. Das wir bezieht sich auf mich und die behandelnden Ärzte, wobei einer (ein Allgemeinmediziner) über den Garten hinweg wohnt.

    Es ist also nie fahrlässig und meine subjektive Wahrnehmung scheint und ist es auch, manchmal hysterisch und überzogen. Da Carstens Essverhalten seit seiner Babyzeit besteht, kannst du mir schon abnehmen, dass ich tatsächlichen Ernst und meinen Angst-Ernst abschätzen kann. Ich renne lieber ein paarmal zuviel zum Arzt, als einmal zu wenig.

    Angst haben und Angst haben, sind leider zwei Paar Schuhe, dass ich nachts gucke, ob er noch atmet ist eher etwas, das ich tue, um mich zu beruhigen. Ich erwarte, dass er atmet und denke auch eigentlich an nichts anderes.

    Tut mir leid, dass es so dramatisch erscheint. In dem Moment ist es auch für mich dramatisch – im Nachhinein weniger, es ralativiert sich. Leider ist es schriftlich nicht (für mich jedenfalls) so rüberzubringen, wie es ist – tatsächlich ist. Hoffnungslos, aber niemals völlig!

    1. Danke für Deine erklärenden Worte. Wenn ich hier lese über Dich, Carsten und Wiebke – dann beunruhigt es mich sehr solches wie oben zu lesen.

      Auch an der Reaktion von Michael B. siehst Du, dass es dort sehr ernst angekommen ist.

      Alles Gute für Euch 3 ♥️

      Gut, dass ein Arzt in Eurer Nähe wohnt.

  4. man kann, wenn man das liest nur hoffen, bangen, euch kraft schicken und beten, dass carsten das zu sich nimmt, das sein körper so dringend braucht. was für sorgen und ängste um den lieben jungen mann!

schreib mir was