Nein

Nein, klagen will ich nicht – auch wenn es den Anschein hat. Ich mag mich nicht beklagen. Mich nicht beschweren, noch mehr beschweren. Ich möchte nur Verständnis aufbauen, zeigen warum ich in manchen Augen so harsch reagiere. In meinen Augen ist es konsequent und logisch und rational. Ich bin, so wissen es einige, Asperger-Autistin. Ich brauche klare Strukturen, einen Plan, Sicherheit und immer wiederkehrende Rituale. Dabei muss der Ablauf nicht zwingend immer gleich sein, die Grundstruktur sollte erkennbar sein und für mich logisch erscheinen. Vieles ist bei mir verstandesmäßig zu erfassen – ich bin ein Kopfmensch, ich denke, überdenke, bedenke, zerdenke, bin ein Reichsbedenkenträger. Wenn einmal etwas gut gegangen ist, dann hat das lange Zeit Bestand. Dann aber mag ich das Außergewöhnliche, möchte nicht in der Masse untergehen, möchte gesehen werden. Möchte, dass meine Leistung gesehen wird, anerkannt wird und dass man mir das auch sagt.

Es ist eine Leistung 2 Autistinen und einen extrovertierten Menschen unter einen Hut zu bekommen und Autismus ist nicht gleich Autismus. Sturköpfigkeit wird Wiebke nachgesagt. Gerade erst haben wir die Logotherapie ausgesetzt, weil irgendetwas (was, das kann mein Töchting kognitiv nicht erklären) nicht so ist, wie es für sie notwendig erscheint. Vielmals nimmt sie sich die Möglichkeit weiter zu kommen, weil ein Detail nicht stimmig ist. Ich kann das so gut nachvollziehen! Was habe ich Dinge aufgegeben, nur weil der eine oder die andere Teilnehmerin mich nervten mit ihrem Aussehen, ihren (unlogischen) Handlungen, mit ihrer Liebenswürdigkeit, auf die ich neidisch bin und die ich nie erreichen kann, auch wenn ich mich noch so sehr bemühe. Allein meine Wortwahl ist da schon eine große Schranke. Dazu kommt, dass ich Mimik nicht deuten kann. Ich ahne nur und interpretiere, setze das um, was ich bei Sammy Molcho gelernt hab und liege dennoch oft falsch, weil die feinen Nuancen viel Spielraum lassen und bei mir manches nur schwarz-weiß ist. Als Autistin fällt es mir gar nicht einmal so schwer arrangierte Beziehungen eine Weile aufrecht zu erhalten. Ich ordne mich unter. Aber je länger die Beziehung dauert, erhoffe ich mir, dass Freunde meine Strukturen tolerieren und mich nicht in ihre zwängen. Ich, die auf Freundschaften hofft, mache anfangs viel zu viele Kompromisse und ordne mich unter. Bis ich nicht mehr kann, weil ich das nicht bin und dann kracht es meistens. Wie finde ich einen Weg, dass es gar nicht erst so weit kommt? Wiebke hat es gut, sie zieht sich zurück und macht ihr Ding – notfalls setzt sie ihre Bedürfnisse mit weinen und Geschrei durch. Das kann ich nicht, dann bin ich noch mehr unten durch – verrückt bin ich eh schon.

Fortsetzung folgt! Ich muss die Junioren wecken – sie fahren sehr früh los, um sehr spät an der Ostsee anzukommen.

Gebt mir bitte Rückmeldung, soll ich das Thema überhaupt vertiefen?

erzählen Sie es weiter:

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8 Kommentare

  1. Ja, bitte weiter darüber schreiben, um so mehr können deine Leser verstehen und nachvollziehen, warum du gerade so und nicht anders denkst.
    Liebe Grüße
    Weena

  2. schreib dir alles von der seele, das tut dir sicher sehr gut!
    wie gut kann ich auch deinen letzten eintrag „nein“ nachvollziehen. hast du sehr gut und verständlich für nichtbetroffene beschrieben.

  3. Weiter bitte!
    Bei jedem Hände waschen schau ich das kleine weiße rechteckige Schälchen an, das du mir mal schicktest, mit kleinen Filzkugeln drauf…

  4. Ich hab ein „Gefällt mir“ dagelassen, weil ich dir damit zeigen möchte, dass mich interessiert, was du schreibst und ich dich unbedingt motivieren möchte, weiterzuschreiben.

  5. Ich lese dich und bin immer wieder buff wie du all das meisterst.
    Schreib weiter

  6. Ja, liebPetra+; schreib weiter darüber, bitte.
    Altes Weib,das ich bin, hab immer noch ADHS, und keiner verstehts. Kann nicht länger als eine Stunde sitzend aushalten, vergesse bis 10 zu zählen, eh ich was sage, werde handgreiflich, wenn einer mich angreift… (Kann sein, dass ich mich nur angegriffen fühle, aber welchen Unterschied macht das letztendlich?)
    Hab 13 Jahre zwei Kinder allein großgezogen, die Kleine schnitt sich selbst, der Große schlitzte die Polstergarnitur und das Federbett der Schwester mit einem Messer auf nach der Scheidung.
    Jede Beziehung zu Männern ging schief: Jetzt bin ich das dritte Mal verheiratet und lebe getrennt (300 km). Immer ging ich anfangs viele Kompromisse ein, wollte so angenommen und geliebt werden, wie ich bin. Keiner wollte / konnte „mich so aushalten“! Erst jetzt wirklich allein lebend, kann ich über alles nachdenken und vieles richtig begreifen. Immer war ich aktiv, aber habe mich selbst nicht verstanden. „Durchhalten“ war immer die Devise und dann – Schluss.
    Zum Glück lieben mich meine Kinder und halten Kontakt, kann also nicht alles falsch gewesen sein, was ich mit ihnen angestellt hab!
    Wir müssen immer wieder sagen, wie wir sind: Vielleicht versteht der ein oder andere dich und mich dann doch ein bisschen…

  7. Es interessiert mich sehr, was du empfindest und wie die Umwelt bei dir ankommt. Würde mich seht über eine Forsetzung freuen.

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