Meine Maus hat einen neuen Schwanz

Mein Mäuschen, das ich früher überall mit hingeschleppt habe, das, weil es so abgeliebt war und dadurch seinen langen Schwanz verlor, hat wieder einen. Sicherlich ist es keine Wertsteigerung – die Fahne vom Knopf hatte ich selber schon abgeschnitten, weil sie mich störte – und ganz rasserein ist das possierliche Tierchen auch nicht, aber endlich trage ich meine „Ratte“ wieder mit mir herum.

Heute ist ein wichtiger Tag. Meine Augen schmerzen vom Weinen. Es ist viel passiert, es kann in einer kurzen Woche sehr viel passieren. Vertrauen kann aufgebaut werden, aber noch schneller einstürzen. „Mama, warst du bei der Seelenärztin?“, fragt mich Carsten: „Kann sie dir helfen?“ „Ich hoffe sehr!“ „Das ist gut!“ Vier Sätze, ein Gespräch mit einem behinderten Menschen, der mehr Empathie hat, als mein allgemeines Umfeld. Nicht weil er mein Sohn ist, sondern weil er einfach ein besonderer Mensch ist, der die Gabe hat, Menschen zu lieben! Jeden Menschen!

Ich war bei der Seelenärztin. Leider erst einmal nur für ein paar Termine – tiefenpsychologische Gesprächstermine – so, wie ich es mir gewünscht habe. Vergangenheitsbewältigung. Einerseits habe ich eine panische Angst, meine Geschichte zu erzählen – eine Geschichte, die viele Mädchen in meinem Alter erzählen könnten. Andererseits drängt es mich, endlich diese verkorkste Familiengeschichte aufzudröseln.

Die Maus braucht ihren Schwanz – sonst ist sie nicht vollständig. Und da ich mit der Maus alt werden will, bekommt sie (im übertragenen Sinn) einen neuen – auch wenn er nicht hundertprozentig stimmig ist. Meine Erinnerungen sind es nämlich auch nicht.

Es sind kryptische Gedanken und es sind auch nicht die einzigen, die mich umtreiben. Eins weiß ich, dass ich Enttäuschungen, die unweigerlich immer wieder kommen, dass ich diese nicht mehr so dicht an mich heranlassen darf und ich will mich endlich selber kennen lernen!

Euch allen wünsche ich einen wundervollen Spätsommerabend – denkt an euch!

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7 Kommentare

  1. Ich finde es schön, dass du zu dieser Ärztin gehst, wenn auch erst einmal nur für ein paar Termine. Aber das ist ja nicht in Stein gemeißelt. Wenn ihr gut miteinander arbeiten könnt und es dir wirklich hilft, dann finden sich Mittel und Wege.

    Gut, dass du die Hoffnung hast, dass sie dir helfen kann. Das Bauchgefühl entscheidet. Und aus Erfahrung kann ich sagen: Irgendwann gewöhnt man sich sogar daran, von und über sich selbst und die eigene Geschichte zu sprechen. Du schaffst das!

    • Auf diese wenigen Termine habe ich eine halbe Ewigkeit gewartet. Verhaltenstherapie will ich nicht, denn das hatte ich schon mal – da habe ich der Therapeutin erzählt, was ich dachte, dass sie hören wollte!

  2. Ich hoffe, daß Du jetzt (wenn auch nur für einige wenige Termine) Hilfe hast und damit weiterkommst. Fühl Dich freudig und vorsichtig umarmt.

  3. Denk dran … Die Reise beginnt mit dem ersten Schritt

  4. Du entscheidest über jeden weiteren Schritt und das, was du von dir preisgeben möchtest. Nur Mut, wenn dein Gefühl dir sagt, dass es das ist, was helfen kann, ist es einen Versuch wert.

  5. Die Therapeutin muss klug und scharfsinnig sein, damit man sie und sich selbst nicht belügen kann. Und wenn sie dann noch zu Mitgefühl fähig ist, kann Dir das nur helfen. Ich habe das hinter mir, es war eine sehr wichtige Zeit in meinem Leben.

  6. wie wunderbar was carsten liebevolles sagte. ich wünsche dir alles gute und viel mut bei der ärztin.
    das mäuschen ist allerliebst und sieht mit neuem schwänzchen chic aus!

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